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Presse-Artikel im Wochenblatt vom 26.07.2017: Ansicht als PDF

Presse-Artikel der Frankfurter Neuen Presse vom 13.06.2014:
Ein gutes Händchen ist nötig:
http://www.fnp.de/lokales/frankfurt/Ein-gutes-Haendchen-ist-noetig;art675,894384


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Presse-Artikel der Frankfurter Rundschau vom 06.04.2014: Ansicht als PDF

Wo sich Leger und Schießer die Kugel geben:
Presse -Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
vom 20.05.2008 von Niklas Schenck über die Bornheim Boules:
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Hier ein Link zum FAZ-Video über die Bornheim Boules:
http://www.faz.net/aktuell/sport/randsportarten-wenn-boule-zu-petanque-wird-1823683.html?ressort=2.1707

Und hier etwas ganz besonderes zum Thema:

C’est la Pétanque - Schopenhauer kann warten

von Lionel van der Meulen

Boule in Bornheim:
Langsam, ganz langsam. Du musst jetzt ruhig bleiben, ganz ruhig. Entspann dich. Und konzentrier dich! Das cochonnet liegt genau richtig für dich. Nicht zu nah und nicht zu weit. Du darfst bloß nicht in dem Sandloch aufkommen. Und auf dem groben Kies auch nicht. Da springt dir die Kugel sonstwo hin. Du musst in dieser ausgetrockneten Wasserrinne landen. Dann läuft sie wie von selbst auf das cochonnet zu. Aber du darfst die Kugel nicht zu fest werfen. Das Terrain geht leicht bergab. Also konzentrier dich. Die Monologe mit dem Ich nehmen kein Ende. Die Einheit von Kopf und Körper herzustellen muss gebetsmühlenartig herbeigeredet werden. Der einsame Kampf um die Geschicklichkeit ist quälend und stimulierend zugleich. Doch das sieht man dem Boule-Spieler nicht an. Er wirkt von außen eher wie ein bewegungsfauler Zeitgenosse, der so tut, als würde er einen Sport betreiben. Denn was ist da schon dabei, eine etwa 700 Gramm schwere Stahlkugel möglichst nahe an eine etwa kirschengroße und cochonnet genannte Holzkugel zu werfen, die maximal zehn Meter entfernt liegt?

So eine Frage kann nur ein unbedarfter Boule-Laie stellen. Der Fachmann und der Amateur wissen: Es kann die Hölle sein. Eine Hölle ohne Hektik oder irgendwelche Elementargewalten. Aber kalt und gemein. Unglaubliches Glück und absurdes Pech wollen psychologisch verkraftet werden. Und dazu kommt: Man spielt nur beim tete à tete alleine gegen einen Gegner. Ansonsten ist man Teil einer Mannschaft: als pointeur oder als tireur, als Leger, der als erster die Kugel so nah wie möglich an das cochonnet plaziert, oder als Schießer, der die Kugel der gegnerischen Mannschaft mit Gewalt aus dem Spiel katapultiert.

Stille soziale Intelligenz und eine effiziente Motivations-Technik, die bis zur perfiden Masche der Beleidigung als Kunstform reicht, sind gefragt. Seelische Defekte, peinliche Gewohnheiten und ganz normale Form- oder Hormon-Krisen müssen entschlossen weggespielt werden. Man ist Therapeut und Patient in einem. Kurzum: Boule ist ein psychologischer Hochleistungssport, der durch eine betonte Lässigkeit im Auftreten möglichst kaschiert werden soll – wenn man erfolgreich sein will.

Denn zu diesem Stress mit dem eigenen Ego und denen in der eigenen Mannschaft kommt noch ein Gegner hinzu, dessen charakterliche Abgründe bekannt sind, geahnt werden oder recht schnell begriffen werden müssen. Da gilt es Eigenschaften zu entwickeln, die nicht immer mit der bürgerlichen Norm oder dem christlichen Katechismus kompatibel sein können. Die gezähmte Bestie mit Killerinstinkt ist beim Boule gefragt – aber immer ganz lässig und cool wie ein rotweinseeliger Franzosendarsteller aus der Provence. Der Boulespieler ist natürlich auch ein Schauspieler seiner besonderen Lebensart. Und da tut sich ein Abgrund an allzu menschlichen Peinlichkeiten auf. Das so beschaulich wirkende Boulodrom ist die ideale Bühne für einen Veitstanz, bei dem alle Gemeinheiten des deformierten bürgerlichen Charakters ausgelebt werden können. Seelisch Verelendete, im Privat- wie im Berufsleben Gescheiterte finden zuhauf auf dem Bouleplatz ihre vermeintlich letzte Rettung – und agieren auch dementsprechend: als verbissen ehrgeizige Fanatiker des Regelwerks und der gnadenlos lächerlichen Vereinsmeierei in all ihren düsteren Schattierungen. Es sind Menschen, die eigentlich in eine geschlossene Boule-Anstalt gehören. Aber der ahnungslose Flaneur, der beispielsweise im Frankfurter Günthersburgpark oder auf der Darmstädter Mathildenhöhe eine Weile etwas amüsiert dem Spiel zusieht, bekommt von alledem natürlich nichts mit.

Es gibt zum Glück auch noch andere Spieler auf dem Bouleplatz. Die Entdeckung der Langsamkeit im Gestus und die Vereinigung von Körper und Geist sind deren größtes Glück. Sie genießen es am späten Nachmittag bis zur Dämmerung für ein paar Stunden in ein ganz anderes Leben und Denken einzutauchen. Vergessen sind Bits und Bytes, Vergaser und Versager, Statik und Statistik, Renten und Renditen, Derwische und Despoten, Weltgeist und andere Wichtigkeiten. Möglichst nahe an eine kleine Holzkugel namens cochonnet heranzukommen: Das ist der Sinn des Lebens. Schopenhauer kann warten.

Von Lionel van der Meulen

Dieser Text ist dem Buch „Hessen langsam“ von Martin Maria Schwarz und Ulrich Sonnenschein entnommen, erschienen im Jonas Verlag, Marburg.

Die Veröffentlichung ist vom Autor genehmigt.